Der medizinische Gemischtwarenladen ...

behandlung17oder mit dem Pelikan in der Hand durch das ganze Land!

Stolz hält der Zahnbehandler den Erfolg seiner Arbeit dem staunenden Publikum entgegen. Seine Patientin mit geschwollener Wange schaut erleichtert. Im Hintergrund hängt an einer Stange das Diplom seiner Ausbildung. Neben ihm auf dem Tisch liegen Medikamente, Instrumente und Brillen.

Die niedere Medizin umfaßt nicht nur die Chirurgie. Alle medizinischen Fachrichtungen, wie Augen- oder Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, die praktische Tätigkeiten erforderten, blieben den meist umherziehenden Wundärzten überlassen. Auf Jahrmärkten und Marktplätzen übten die Okulisten, Stein- und Bruchschneider und die Zahnbrecher ihre Tätigkeit aus.

Die Zahnheilkunde war bei diesen fahrenden Chirurgen nur ein kleiner Teil ihrer Tätigkeit. Barbiere, Kräuterweiblein oder jeder, der sich dazu berufen fühlte, behandelte den akuten Zahnschmerz. Der Leidende hatte nicht immer Zeit darauf zu warten bis ein reisender Wundarzt in seine Gegend kam. Der Blinde wartete oft Jahre auf einen fahrenden Chirurgen, der sich auf den Starstich verstand. 1732 veröffentlichte Krautermann sein Buch “Der sichere Augen- und Zahn-Arzt”. 220 Seiten seines Buches widmete er den Augenerkrankungen und 50 Seiten den Zahnleiden. Die Zahnheilkunde war eben nicht so lebenswichtig wie die anderen Zweige der Chirurgie.

pelikantoolszahnbrecher funk
Erst im 18. Jahrhundert starb der Stand der reisenden Zahnärzte aus. Der Wundarzt ließ sich in einer Stadt nieder und besuchte seine Patienten. Aber schon 1834 forderte der Wiener Zahnarzt Gall, daß Zahnoperationen besser im Hause des Arztes vorgenommen werden sollten, da hier alle Instrumente zu Gebote stünden. Die letzten fahrenden Chirurgen wurden erst Anfang des 19. Jahrhunderts seßhaft. Die Quacksalber, Synonym für Kurpfuscher, waren Behandler, die mit Quecksilbereinreibungen die Syphilis, zum Teil sogar erfolgreich, behandelten.

Im Mittelalter galt Jesus symbolisch als “Pelikan der Gnade”, der mit seinem Schnabel seine Brust aufreißt, um mit seinem Blut seine Jungen vor dem Tode zu retten. Wie ein Schnabel ist der rechte obere Teil des Instrumentes geformt, er wurde über den zu entfernenden Zahn gelegt und der halbmondförmige Teil stützte sich an den Restzähnen oder am Kiefer ab. Der Behandler zog den Handgriff nach unten und der Zahn war entfernt. Schnelligkeit war das Gebot, denn Anästhesiespritzen gab es nicht.

augenopzahnop

Anfang des 18. Jahrhunderts sieht der Arbeitsplatz der Wundärzte schon etwas ordentlicher aus, wie die Abbildung des 15. Jahrhunderts (oben auf der Seite) zeigt. Die Kleidung des Arztes ist prunkvoller, sein Erscheinen wird zum Auftritt. Die Behandlung wird zur Inszenierung. Ärzte im Stile Dr. Eisenbarths betreten die barocke Bühne.