Rasieren und Zahnziehen - 2 Silberlinge

mittelalter1Der gelehrte Arzt aus dem 12. Jahrhundert links im Bild wird Ihnen bei Zahnschmerzen wenig helfen können. Oh, er ist hochgelehrt, Hippokrates, Galen, auch Celsus sind ihm wohlbekannt. Vielleicht wird er versuchen den schuldigen Zahn mit Hilfe von Medikamenten zu entfernen. Vielleicht auch eine Räucherung mit Bilsenkraut gegen den Zahnwurm empfehlen. Oder etwa einen Aderlaß und ein paar Blutegel. Auf jeden Fall wird er warten, bis der Zahn locker wird, bis man ihn “gefahrlos” entfernen kann.Wenn Sie weiblichen Geschlechtes sind, wird er darauf bestehen, daß Sie nur maximal dreißig Zähne haben. Nein, er zählt nicht nach, er hat es aus seinen Büchern.

Ach ja, die Zahnschmerzen, wenn die Wange hübsch angeschwollen, der Zahn durch den Eiter gelockert ist, ja - dann wird er einen Barbier rufen. Der Barbier nimmt Ihren Kopf zwischen die Beine und entfernt den Zahn mit einem Pelikan, einem Instrument, ähnlich dem Bandhaken der Faßbinder.

mittelalter2Geht es Ihnen nach einigen Tagen noch immer nicht gut, so werden Sie zum Spezialisten gehen. Eine Urinschau wird der Herr rechts vornehmen. In der rechten Hand hält er das Glas mit Ihrem Urin, um an seiner Beschaffenheit die Krankheit zu bestimmen.

Als Therapie kommt dann bestimmt ein Aderlaß in Frage, die “fauligen Säfte, die vom Kopf herabsteigen “ müssen abfließen. Der Kollege links unten ist darauf spezialisiert. Er hält ein Schröpfmesser und ein Blutgefäß.

Die Zahnheilkunde und andere chirurgische Fächer der Medizin waren unwürdig von einem akademisch gebildeten Arzt ausgeübt zu werden. Auch kein Priester oder Diakon durfte Chirurgie betreiben. Die akademisch ausgebildeten Ärzte vertieften sich in das Studium der antiken Schriften und lebten in der realitätsfernen und zunehmend verkrustenden Welt der Scholastik. Auch Hildegard von Bingen riet nur zu unwirksamen Kräuterextrakten und suchte den Zahnwurm zu bekämpfen. Schlechte Zeiten für Zahnschmerzen!

mittelalter3Es bildeten sich Chirurgengilden mit zum Teil guter Ausbildung, aber die Barbiere übernahmen wohl den Großteil der zahnmedizinischen Versorgung der Bevölkerung. Dies bleibt, wie wir noch sehen werden, in den nächsten Jahrhunderten so bestehen.

Die unheilvolle Trennung von Chirurgie und Medizin wurde in der Zahnmedizin in Deutschland erst 1952 endgültig überwunden. Der Beruf des Dentisten, eines handwerklichen Lehrberufes, ist erst heute endgültig ausgestorben.

Der Zahnschmerz wurde im Mittelalter als gottgewollte Prüfung angesehen. In der Neuzeit verloren die antiken Autoren ihre Autorität. Praktische Erprobung und experimentelle Analyse lösten das scholastische Denken ab. Der Zahnbehandler begann eine aktivere Rolle einzunehmen. Die Chirurgie machte Fortschritte.


Der Gebrauch des Pelikans in der Hand des Chirurgen war die klassische zahnmedizinische Behandlung der nächsten Jahrhunderte.